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  • Roya Sabzghabaei

“Mein Gynäkologe hat mir offen gesagt, dass er gegen eine Hausgeburt ist.”

Aktualisiert: Feb 9


Interview - Teil 1

In unserem letzten Blogbeitrag ging es um die verschiedenen Geburtsorte. Passend hierzu haben wir mit Julia Berg (Instagram: @geburtsgefluester), klinische Psychologin und Mama von zwei Kindern, ein Interview zum Thema “Hausgeburt” geführt. Sie erzählt von ihren eigenen Erfahrungen und Ansichten zur Hausgeburt. Julia selbst bietet Hilfe zur Geburtsverarbeitung für Frauen an, die eine schwere oder traumatische Geburt erlebt haben. Sie hilft den Frauen mit der Geburt ihres Kindes friedlich abzuschließen und unterstützt sie in der Vorbereitung auf eine schöne folgende Geburt. Auf ihrer Website www.julia-berg.com findest du alle weiteren Informationen.


Im ersten Teil des Interviews erfährst du, wie es Julia mit ihrer Hausgeburt ergangen ist und was sie für Erfahrungen aus der Hausgeburt mitgenommen hat. Wenn du mehr zum Thema “Hausgeburt” erfahren willst, dann schau nächste Woche auf unserem Blog vorbei. Dort gibt es den zweiten Teil des Interview.


MyClarella: Wie läuft in der Regel eine Hausgeburt ab?

Julia Berg: So individuell, wie jede andere Geburt auch! Es gibt da keine Regeln.

Manche Geburten ziehen sich über viele Stunden, manchmal sogar mehrere Tage. Andere Geburten verlaufen so schnell, dass es die Hebamme kaum rechtzeitig schafft, dabei zu sein! Als gebärende Frau entscheidest du selbst, was du tun möchtest, wo und in welcher Position du dich am wohlsten fühlst und wann du deine Hebamme hinzu rufen möchtest.

Die Babys werden bei einer Hausgeburt oft auf einer Matte auf dem Boden geboren, während die Mama hockt, im Vierfüßlerstand steht oder auf einem Gebärhocker sitzt. Natürlich sind auch Wassergeburten im Gebärpool sehr häufig und oft wunderschön!


Und danach?

Wenn das Baby geboren wurde, gibt es in der Regel genügend Zeit für die Geburt der Plazenta (des Mutterkuchens) und, um die Nabelschnur in aller Ruhe auspulsieren zu lassen. Bei einer Hausgeburt ist es auch möglich, eine Lotusgeburt zu erleben, bei der man die Babys gar nicht abnabelt, sondern wartet, bis die Nabelschnur sich nach einigen Tagen von allein löst.

Das Schönste bei Hausgeburten ist meiner Meinung nach, dass Mama und Kind direkt in ihrer wohligen und bekannten, ruhigen und entspannten Umgebung sind und sofort ins Bett fallen und kuscheln können! Das ist wohl einer der größten Wünsche, der Mamas direkt nach der Geburt. Die Hebamme untersucht dann, ob es dem Baby gut geht (sie ist berechtigt, die U1 durchzuführen) und wird alles aufräumen und viel dokumentieren. In der Zeit können Mama und Baby kuscheln und sich ausruhen, während der Papa allen etwas zu essen macht.


Muss die Mutter nach der Geburt zu einem Arzt, um z.B. Geburtsverletzungen nähen zu lassen?

Die Hebamme wird während der Geburt dafür Sorge tragen, dass möglichst keine oder nur geringe Verletzungen auftreten. Viele Hausgeburtshebammen haben da tolle Tricks, wie zum Beispiel Kaffee-Kompressen, Öl oder auch Wassergeburten.

Die Hebamme wird nach der Geburt überprüfen, ob Verletzungen da sind. Leichte und kleinere Verletzungen müssen oft gar nicht versorgt werden (und das trifft auf die meisten Frauen zu), da das Gewebe von selbst gut heilen kann.

Ist die Verletzung größer, kann die Hebamme das sehr gut selbst versorgen. Sie hat auch Möglichkeiten, um die Stelle zu betäuben, sodass du gut umsorgt bist und nicht dafür in die Klinik musst!

Nur, wenn die Verletzung wirklich sehr tief ist, wäre es ein Ausnahmefall, dann dafür in die Klinik zu müssen. Natürlich kann das auch vorkommen, wenn es Probleme beim Ablösen der Plazenta geben sollte. Das ist niemals ausgeschlossen, aber doch relativ selten der Fall.


Du selbst hast auch eine Hausgeburt erlebt. Warum hast Du Dich bei der Geburt deines Sohnes dafür entschieden?

Mein hauptsächlicher Grund dafür war, dass ich wusste, dass mein Zuhause für mich DER Ort ist, an dem ich mich wohl, sicher und geborgen fühle. Ein Ort, an dem ich mich wirklich fallen lassen kann. Dieser Punkt ist für die Geburt essentiell wichtig, die Bedeutung davon wird oft stark unterschätzt!

Es gibt zwei Dinge, mit denen man die Geburt tatsächlich vergleichen kann: Zum einen ist das der Stuhlgang (Frage dich: Wo muss ich? Wo kann ich mich so fallen lassen, dass ich auf Toilette gehen muss?). Letztlich ist die Geburt ebenso ein Ausscheidungsprozess.

Der andere Vergleich ist der Sex: Man sagt, dass die Geburt eine Fortsetzung des sexuellen Aktes sei. Und das ist natürlich auch nur logisch: Sehr intim, sehr verletzlich und es sind die gleichen Körperpartien stark involviert. Dementsprechend braucht Geburt auch einen ähnlich geschützten Rahmen, wie der sexuelle Akt. (Frage dich also auch: “Wo würde ich Sex haben?”, wenn du dir deinen Geburtsort aussuchst!)


Hattest Du eine Ärztin oder einen Arzt an Deiner Seite, die/ der dich unterstützt hat?

Mein Gynäkologe hat mir offen gesagt, dass er gegen eine Hausgeburt ist. Glücklicherweise war ich sicher und selbstbewusst genug, mich davon nicht verunsichern zu lassen. Zumindest hat er mich aber nicht erpresst, sondern mir lediglich seine Meinung gesagt, sodass das unsere Vertrauensbeziehung auch nicht belastet hat.

Von anderen Frauen höre ich oft, dass sie erpresst werden und Horrorgeschichten von ihrer/-m Ärzt*in hören, wenn sie sagen, dass sich nicht in der Klinik gebären wollen.


Ärzt*innen wollen in der Regel nur das Beste für ihre Patienten und ihnen keine Angst machen. Woran denkst du liegt das, dass viele Ärzt*innen eine eher abgeneigte Haltung gegenüber einer Hausgeburt haben?

Einer der Gründe ist wahrscheinlich, dass Mediziner in ihrer Ausbildung hauptsächlich die problematischen Fälle zu sehen bekommen. Sie werden in der Regel hinzu geholt, wenn es Probleme gibt. Und so bildet sich dann natürlich auch ein relativ Gefahren-lastiger Blick auf die Geburt.

Wenn einer schwangeren Frau aber damit gedroht wird, sie würde ihr Kind gefährden, nur weil sie es gerne Zuhause gebären möchte, dann ist das keine objektive Beratung. Das ist Erpressung. Denn keine Mama würde leichtfertig das Wohlergehen ihres Kindes aufs Spiel setzen. Nach der neuen Leitlinie sollen Frauen explizit ohne subjektive Meinung über verschiedene Geburtsorte aufgeklärt werden von dem Fachpersonal (Anm.d.Red.: Auf unserem Instagramprofil @myclarella findest du einen Post zur ersten S3-Leitlinie zur vaginalen Geburt am Termin).

Wenn dein Arzt gegen eine Hausgeburt ist, frage, ob das seine generelle Haltung ist oder ob das eine Empfehlung für deine individuelle Situation ist. Denn es gibt durchaus Ausschlussgründe für eine Hausgeburt, die müssen aber individuell betrachtet werden.


Wie hast Du die Hausgeburt wahrgenommen?

Wunderschön! Es war eine kraftvolle Geburt, sie war stellenweise auch sehr intensiv. Stellenweise aber auch sehr entspannt, sodass es von außen wohl manchmal gar nicht so aussah, als sei ich mitten in der Geburt.

Ich fand es so toll, anfangs einfach in meinem Bett liegen zu bleiben, dann durch meine Räume zu gehen, meine Kleidung zu tragen bzw. zu wechseln, wie ich es wollte! Ohne irgendwohin zu müssen!

Es war am Ende eine anstrengende Geburt, was auch völlig normal ist. Jedoch hatte ich so grandiose Unterstützung und Zuspruch durch meinen Mann und meine Hebamme, dass ich mich immer guten Mutes gefühlt habe.

Es war fabelhaft, dass mein Sohn erst an seinem 10. Lebenstag unser Haus verlassen hat und so lange in seiner ruhigen und geschützten Umgebung ankommen konnte!

Letztlich wurde meine Geburt zu 90% so, wie ich sie mir vorher ausgemalt hatte. Und so ist die Geburt auch fast 2 Jahre später noch eine für mich sehr kraftgebende und stärkende Erinnerung!




Nächste Woche gibt es den zweiten Teil des Interviews. Dort erzählt uns Julia alles zu den Formalitäten und wie man sich mental auf eine Hausgeburt vorbereiten kann.



Hier kommst du zu Julias Angeboten:

Julias Begleitung bei der Verarbeitung der Geburt des Kindes:

https://www.julia-berg.com/verarbeitung-deiner-geburtserfahrung/

Julias Begleitung in der Schwangerschaft:

https://www.julia-berg.com/kraftvoll-gebaeren/


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