Angst vor der Geburt

Gastautorin: Julia Berg (www.julia-berg.com)
Hast du Angst vor der Geburt? Oder: Hattest du schon mal Angst vor der Geburt? Wahrscheinlich schon – wenn du eine Frau bist (egal, ob Mama oder nicht), kennst du diese Angst wahrscheinlich. Für manche Frauen ist die Angst größer, für andere kleiner. Und auf alle Fälle ist sie eines: sehr komplex. Es gibt ganz viele verschiedene Ängste und Gründe für Ängste vor der Geburt. Aber beginnen wir mal vorn.
Typische Ängste vor der Geburt
Wenn du noch nie ein Kind geboren hast, dann sind deine Ängste wahrscheinlich relativ diffus: Was erwartet dich dabei? Wie wird es dir und deinem Kind gehen? Wie wirst du dich fühlen? Wirst du es schaffen?
Diese Ängste kommen daher, dass du wahrscheinlich auch schon schlimme Geschichten gehört hast, die dir im Gedächtnis geblieben sind. Und dass Geburt eben etwas ist, womit du noch keine (oder nur wenige) Erfahrungen gemacht hast. Denn schließlich erleben wir andere Geburten in der Regel nicht mit (wenn wir nicht gerade eine Ärztin oder Hebamme sind). Dann ist es die Angst vor dem Unbekannten, die uns sehr verunsichert.
Wenn du schon eine Geburt erlebt hast, die schwierig war, dann ist für dich wahrscheinlich eine sehr große Angst, dass es wieder so werden könnte. Je nachdem, was dir passiert ist, wird sich deine Angst dann wahrscheinlich um Kontrollverlust, Verletzungen, Eingriffe, barsche Ärzte oder Hebammen oder die Trennung von deinem Kind drehen.
Und all diese Sorgen und Ängste sind normal und völlig nachvollziehbar. Du bist damit nicht alleine, sondern in wirklich guter Gesellschaft!
Warum ist die Angst vor der Geburt so verbreitet?
Vielleicht erinnerst du dich noch daran, wie deine Mama über deine Geburt gesprochen hat, als du ein Kind warst. Und sicher hast du auch schon viele Filme gesehen, in denen ein Kind geboren wurde. Sehr oft wird die Geburt darin dramatisch, laut und schmerzvoll dargestellt. Hat dir das Angst gemacht? Ich habe solche Erinnerungen. Das sind die bewussten Annahmen über Geburt, die Angst machen.
Und dann gibt es da noch die unbewussten Annahmen und Erwartungen an Geburt in uns. Diese Annahmen sind meist noch sehr viel mächtiger, als die bewussten. Unbewusste Ängste vor der Geburt entstehen aus unserer Lebenserfahrung: Welches Bild wurde dir schon immer über Geburt vermittelt?
Womit verknüpfst du Geburt völlig automatisch und ohne es zu hinterfragen? Mit Schmerz und Leid? Mit einem sterilen Krankenhaus? Mit der Trennung von Mama und Baby? Denkst du an schreiende, auf dem Rücken liegende Frauen, die “in den Wehen liegen”?
Oder denkst du bei Geburt an Weiblichkeit, pure Lebenskraft und eine aktive, selbstbestimmt gebärende Frau? Eine Frau, die glücklich ist und lacht? An Massage und Entspannung? An eine wohlige Umgebung im Kerzenschein?
Die Bilder, die dir im ersten Moment ungefiltert und automatisch in den Sinn schießen: Das ist dein unbewusstes Bild von Geburt. Und da sitzt oft die größte Angst, aber auch der größte Hebel!
Puh – sitzt die Angst jetzt so tief?!
Die Erkenntnis, dass die Angst vor der Geburt so tief sitzt und sowohl bewusst als auch unbewusst fest verankert sein kann, ist natürlich nicht besonders schön. Doch es ist absolut möglich, diese Ängste zu lösen. Und es ist auch sehr sinnvoll! Wenn die Ängste nicht gelöst werden, dann kann es passieren, dass sie während der Geburt plötzlich über dich hereinbrechen und dich blockieren (siehe Angst-Anspannung-Schmerz-Kreißlauf unten). Wenn du bereits eine Geburt erlebt hast, die für dich keine schöne Erfahrung war, dann ist es wahrscheinlich, dass du bei der nächsten Geburt genau daran wieder erinnert wirst, wenn du dein Erlebnis nicht aufgearbeitet hast. Denn diese Erfahrung blieb in deinem Körper gespeichert und wird wieder aktiviert, sobald sich die gleichen körperlichen Anzeichen zeigen, wie damals.
Damit können dann auch unangenehme Gefühle wieder aktiviert werden. Es ist sehr wahrscheinlich, dass du dann während der Geburt in große Angst gerätst. Und auch, wenn du keine bewussten Erinnerungen hast, weil es deine erste Geburt ist, dann kann es sein, dass du plötzlich Angst bekommst. Wenn du bewusst oder unbewusst negative Vorstellungen darüber gespeichert hast, wie Geburt abläuft, wirst du bei der Geburt fast automatisch ängstlich und angespannt werden.
Die Auswirkungen von Angst auf die Geburt
Angst löst in deinem Körper eine physiologische Reaktion aus. Dabei werden Hormone ausgeschüttet, die deinen Körper in Leistungsbereitschaft versetzen, ihn kampfbereit machen. Dadurch spannen sich auch bestimmte Muskeln an – insbesondere die Muskeln in deinen Armen und Beinen werden aktiviert.Bei der Geburt bedeutet das insbesondere auch eine schlechtere Durchblutung der Gebärmutter. Die Muskeln der Gebärmutter arbeiten dann nicht mehr harmonisch aufeinander abgestimmt und das wiederum kann starke Schmerzen auslösen. Gynäkologe Grantly Dick Read beschrieb diesen Zusammenhang als einen Kreislauf aus Angst (vor der Geburt), Anspannung (der Muskulatur) und Schmerz (der aus der Muskelspannung entsteht).
Spürst du während der Geburt Schmerzen, die sehr stark werden, dann bekommst du mit hoher Wahrscheinlichkeit noch mehr Angst und dein Körper spannt sich noch mehr an. Womit sich der Kreislauf weiter aufschaukelt. Umgekehrt funktioniert das aber auch: sinkt die Angst, dann kann sich die Anspannung lösen und die Schmerzen werden weniger. Grantly Dick Read sprach davon, dass Geburt umso leichter wird, je weniger ängstlich die Frau in die Geburt geht.
Wie werde ich die Angst vor der Geburt los?
Zuerst einmal bekommen wir nichts los, was wir nicht anschauen. Je mehr wir versuchen, etwas „weg zu machen“ indem wir es ignorieren, desto stärker holt es uns ein.Hast du schon einmal versucht, die Kaffeeflecken auf dem Fußboden weg-zu-ignorieren? Oder die Meinungsverschiedenheiten mit deinem Partner? Je länger du es aussitzt, desto heftiger holt es dich irgendwann ein. Den Kaffeeflecken musst du dich schon aktiv widmen, um sie zu entfernen; ein Gespräch mit deinem Partner ist die einzige Möglichkeit, um euch wieder auf einen gemeinsamen Kurs zu bringen.
Und genau so ist es mit den Ängsten vor der Geburt: Sie wollen angeschaut werden, bevor sie sich verabschieden können. Erkenne sie also an. Gib den Ängsten ihren Raum, spüre, was sie dir sagen wollen. Schau einmal ganz genau hin, bzw. höre deiner Angst zu: Wovor hast du Angst?
Die Botschaft der Angst
Wenn deine Angst sich insbesondere um die Gesundheit deines Kindes dreht, dann bist du schon mitten im Mama-Leben angekommen: Willkommen in der ständigen Sorge, dem kleinen wertvollen Menschlein könnte irgendetwas zustoßen! Diese Angst wird dich wahrscheinlich dein Leben lang begleiten. Denn so sind wir Mamas nun einmal: darauf programmiert, den eigenen Nachwuchs zu schützen und zu umsorgen. Und das ist auch gut so!
Deine Sorgen sind ganz natürlich. Mit der Zeit wird es leichter werden, mit ihnen umzugehen und du wirst entdecken, dass dein Schlüssel Vertrauen heißt. Einige Dinge kannst du beeinflussen und dafür dein Bestes geben. Es gibt aber auch einfach Dinge, die liegen nicht in deiner Macht und außerhalb deiner Kontrolle. Und hier bleibt dir nichts anderes übrig, als zu vertrauen. Das Vertrauen darauf, dass alles so kommt, wie es kommen soll.
Und dann gibt es da noch die Sorgen um dich: Schmerzen, Kontrollverlust und wie es dir bei der Geburt ergehen wird. Diese Ängste können sehr überwältigend sein, weil sie teilweise sehr diffus und groß erscheinen können.
Aber genau hier liegt deine Chance: Du darfst die Ängste anschauen, sie einmal ganz genau betrachten und dann erkennen: Sie wollen dich schützen! Davor, dass dir (wieder) etwas Schlimmes passiert. Eigentlich sehr nützlich, oder?
Deine Ängste sind nämlich deine Chance, um zu erkennen, dass diese Dinge, die du befürchtest nicht außerhalb deiner Kontrolle liegen. Einen ganz großen Teil von ihnen kannst du beeinflussen. Zum Beispiel, indem du dich vorbereitest, indem du deine Erlebnisse aufarbeitest, indem du einen konkreten Fahrplan erarbeitest, was du tun kannst.
 
Hol dir die Kontrolle über deine Geburt zurück!
Um in der Schwangerschaft und bei der Geburt Dinge, die du weniger kontrollieren kannst, abzusichern, ist es deine Aufgabe, dich voller Vertrauen in helfende Hände zu begeben. Wo, wie und wer das sein kann, ist deine Aufgabe, für dich herauszufinden. Es könnte eine Beleghebamme oder eine Doula sein, es könnte eine psychologische oder therapeutische Begleitung vorab sein. Vielleicht brauchst du aber auch einen Umgebungswechsel und einfach Zeit für dich?
Das, was du kontrollieren kannst, das solltest du auch kontrollieren. Wie beispielsweise deine Herangehensweise an die Geburt, dein Umgang mit herausfordernden Situationen bei der Geburt, deinen Geburtsort und deine(n) Geburtsbegleiter/-in, die Verarbeitung der vorangegangenen Erfahrungen und die Lösung deiner Ängste.
Bei diesen Dingen kannst du dir die Kontrolle zurückholen und somit deine Angst vor der Geburt ganz klein werden lassen. Hol dir hier unbedingt eine sinnvolle Unterstützung an deine Seite. Und du wirst sehen: Du wirst wieder Herrin deiner Geburt!

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